Warum das mein Lieblingsthema ist

Ich habe in meiner In-House-Zeit Hunderte Entscheidungen begleitet, was mit welchen Seiten passiert. Ich habe Stakeholder-Runden moderiert, in denen niemand sagen konnte, wem die fraglichen Seiten überhaupt gehören. Ich habe erlebt, wie Cleanup-Projekte an internen Abhängigkeiten gestorben sind, die niemand vor dem ersten Meeting kannte. Und ich habe beobachtet, wie genau dieselben Diskussionen – ob Seite X weg kann oder nicht – in unterschiedlichen Unternehmen zu beinahe identischen Mustern führen.

Deswegen ist die Panda-Diät eines meiner liebsten Themen. Nicht wegen der Technik. Sondern wegen dem, was sie über eine Organisation verrät.

Als ich 2022 den LinkedIn-Post von Hanns Kronenberg sah – „Die SEO Panda Diät läuft erfolgreich. Weniger ist mehr bei Google! Wir nähern uns dem Ziel von 99 % deindexierter Seiten“ – war meine erste Reaktion: endlich macht das jemand groß und öffentlich. Kronenberg ist Head of SEO bei Chefkoch, Europas größter Food-Plattform. Was er dort umgesetzt hat, ist das konsequenteste Beispiel einer Panda-Diät, das ich in Deutschland kenne. Und er hat in einem Podcast-Interview mit Fabian Jaeckert erklärt, warum: fast 95 % aller URLs aus dem Index – kombiniert mit einer gezielten Qualitätsverbesserung der verbliebenen Seiten. Das Ergebnis: rund 30 % mehr SEO-Sichtbarkeit.

Kronenbergs eigene Erklärung: „Ich denke, dass wir besser wissen, welche URLs wertvoll sind und welche weniger Mehrwert haben. Ich glaube, dass Google das auch herausfinden kann, aber dann testen sie massenhaft und wir verlieren dadurch die Konstanz und stabile Rankingsignale. Da ist es besser, Google zu helfen.“
— Hanns Kronenberg, Head of SEO bei Chefkoch · Podcast-Interview mit Fabian Jaeckert

Was die Panda-Diät ist – und was sie nicht ist

Der Begriff stammt aus der Zeit nach dem Google-Panda-Update, das im Februar 2011 ausgerollt wurde. Panda war Googles Reaktion auf eine Welle an inhaltsschwachen Seiten, die massenhaft für Long-Tail-Keywords gebaut wurden, ohne echten Mehrwert für Nutzer zu liefern. Die Reaktion der klugen Websites war nicht, mehr zu produzieren – sondern radikal weniger zu behalten.

Diese Denkweise ist heute relevanter denn je. Google hat Panda 2016 als festen Bestandteil des Core-Algorithmus bestätigt – statt wie zuvor als separater Refresh ausgerollt. Es gibt keinen isolierten „Panda-Score“ mehr, den man beobachten kann; das Prinzip ist Bestandteil dessen, wie Google Inhaltsqualität dauerhaft bewertet. Mit dem Helpful Content Update hat Google das für die KI-Ära weiterentwickelt: Domänen, die systematisch schwache Inhalte produzieren, werden als Ganzes abgewertet – nicht nur einzelne Seiten.

99%
URLs aus dem Index – Chefkochs erklärtes Ziel laut Kronenbergs LinkedIn-Post (2022)
~95%
Tatsächlich deindexiert – kombiniert mit gezielter Qualitätsverbesserung der verbliebenen Seiten
+30%
Sichtbarkeitssteigerung – laut Kronenberg im Podcast-Interview mit Fabian Jaeckert

Die Panda-Diät ist kein taktischer Trick. Sie ist die konsequente Antwort auf ein systemisches Problem: Websites, die über Jahre gewachsen sind, haben Millionen Seiten angesammelt, von denen ein Großteil keinen messbaren Wert mehr liefert – weder für Nutzer noch für Google. Das zieht die Seiten nach unten, die eigentlich gut sind.

Seitenqualität ist mehr als organische Visits

Hier kommt der Punkt, der mir am wichtigsten ist – und der in vielen Cleanup-Projekten fehlt oder zu kurz greift: Ob eine Seite im Index bleiben soll, lässt sich nicht allein an organischen Visits festmachen.

Ich habe Seiten begleitet, die null organische Klicks in zwölf Monaten hatten – und trotzdem Bestandsschutz verdient haben. Weil sie in der Informationsarchitektur eine zentrale Rolle spielen: Nutzer, die über andere Kanäle auf die Website kommen, navigieren über diese Seiten weiter. Sie sind Verteiler. Hubs. Manchmal die letzte Seite vor einer Conversion. Diese Seiten zu löschen wäre ein Fehler. Auf noindex zu stellen – in vielen Fällen die richtige Entscheidung.

Die Frage ist nicht „Hat diese Seite Traffic?“ sondern: Welche Rolle spielt diese Seite im System?

1
Organischer Wert – jetzt oder potenziell?
Keine organischen Klicks in 12 Monaten + kein realistisches Keyword-Potenzial → starkes Signal für Entfernung. Aber: Bevor die Seite weg ist, Frage 2 und 3 prüfen.
2
Welche Rolle spielt die Seite im System?
Navigation, Verteiler, Conversion-Unterstützung, interne Verlinkung, Brand-Signaling – das sind valide Gründe für noindex statt Löschen. Die Seite lebt im System, braucht aber kein Crawl-Budget von Google.
3
Conversion und UX-Signale
Eine Seite ohne organischen Traffic, aber mit hoher Verweildauer und guter Conversion-Rate hat Bestandsschutz. Was sie nicht braucht: einen Platz im Google-Index. noindex – und intern weiter pflegen.
4
Wer hat die Entscheidung getroffen?
Ohne benannten Owner keine valide Entscheidung. Das ist keine Formalität – das ist die einzige Möglichkeit, ein Cleanup-Projekt nachhaltig zu verankern.
Szenario Empfehlung Begründung
Keine Visits, kein Potenzial, keine IA-Rolle Löschen / Redirect Keine Funktion mehr. Crawl-Budget-Waste.
Keine organischen Visits, aber Verteiler-Funktion in IA Noindex Intern nützlich, kein Google-Traffic nötig. Crawl-Budget schonen.
Schwache organische Visits, aber hohe Conversion-Rate Noindex + verbessern Nicht für Ranking, aber für Nutzer relevant. Qualität steigern, dann re-indexieren.
Traffic vorhanden, aber Bounce-Rate >85%, Verweildauer <10 Sek. Überarbeiten oder Löschen Schlechtes UX-Signal. Zieht andere Seiten nach unten.
Historische Seiten, Owner unbekannt Eskalieren, dann entscheiden Ohne Owner keine fundierte Entscheidung möglich.

Das eigentliche Problem: Wer hat ein Steak dran?

In jedem Enterprise-Cleanup-Projekt stoße ich auf dasselbe Muster. Die technische Analyse ist oft in zwei Wochen fertig. Was dann folgt, kann Monate dauern: die Klärung, wem diese Seiten gehören.

Das meine ich nicht im juristischen Sinn. Ich meine: Wer trägt inhaltliche Verantwortung? Wer hat entschieden, dass diese Seite existiert? Wer kann entscheiden, dass sie verschwindet? Und wen muss man fragen, bevor man anfasst?

In großen Organisationen – und das sage ich aus eigener In-House-Erfahrung – ist die Antwort auf diese Fragen erschreckend häufig: niemand. Die Seiten wurden von Teams gebaut, die längst umstrukturiert wurden. Sie hängen an Systemen, die mehrere Abteilungen berühren. Jeder hat ein Steak an diesen Seiten (ja, bewusst mit e – Stakeholder halt) – aber wer dieses Steak serviert, weiß keiner. Dieses strukturelle Muster beschreibe ich als Ownership-Vakuum: Seiten ohne Verantwortliche, Entscheidungen ohne Mandat.

❌ Typischer Ist-Zustand großer Domains
  • Hunderttausende URLs, von denen 5–10 % organischen Traffic liefern
  • Owner für die meisten Seitentypen unklar oder veraltet
  • Crawl-Budget zu 40–70 % auf nicht-wertschöpfenden Seiten
  • Keine Entscheidungslogik, was weg kann
  • Historische Seiten als „berühren wir nicht“-Tabu
✅ Nach einer strukturierten Panda-Diät
  • Schlanker Index mit klar definierten Seitentypen
  • Jeder Seitentyp hat einen benannten Owner
  • Crawl-Budget fokussiert auf wertschöpfende Seiten
  • Noindex-Logik für intern relevante, aber organisch schwache Seiten
  • Stabilere Rankings, weniger Rauschen durch Update-Zyklen

2026: Das Problem ist identisch geblieben

Ich höre manchmal den Einwand: Panda ist von 2011, das ist Geschichte. Meine Antwort: Das Prinzip ist nicht Geschichte. Die Technologie hat sich verändert – das Problem nicht.

Auch 2026 sehe ich in großen Unternehmen denselben Zustand: Keine einheitliche Organisation, die klar definiert, welche Stakeholder an welchen Seitentypen beteiligt sind. Historisch erstellte Seiten, die niemand anfasst – aus Angst vor Abhängigkeiten, aus Respekt vor dem Aufwand, aus schlichtem Nicht-Wissen, was daran hängt. Und ein Google-Index, der als dumper Spiegel dieses Zustands funktioniert: er nimmt auf, was reinkommt, und bewertet es als Ganzes.

Das ist keine Frage von Team-Größe oder Budget. Es ist eine Frage von Governance. Und Governance ist in den meisten SEO-Projekten die blinde Seite.

Panda war immer ein UX-Signal – kein SEO-Trick

Was viele vergessen: Google hat Panda nicht gebaut, indem es Links oder Wörter gezählt hat. Google hat Quality Rater befragt. Echte Menschen, die echte Fragen beantworten sollten: Würdest du dieser Seite vertrauen? Würdest du sie weiterempfehlen? Würdest du hier kaufen oder dich anmelden?

Das sind keine SEO-Fragen. Das sind Produktfragen. UX-Fragen. Vertrauensfragen. Und genau das ist der Kern: Eine Panda-Diät, die nur auf organische Visits schaut, führt zu falschen Entscheidungen. Was zählt, ist die Nutzererfahrung – und ob eine Seite einen echten Beitrag für den Menschen leistet, der sie aufruft.

Bounce Rate, Engagement Time, Return-to-SERP-Rate – das sind keine bestätigten Google-Rankingfaktoren, aber sie sind praktische Proxy-Signale, die aus Nutzersicht zeigen, ob eine Seite die Suchintention erfüllt hat. Und Google hat über Quality Rater, Nutzerstudien und eigene Systeme immer wieder signalisiert, dass genau diese Art von Nutzerzufriedenheit das ist, was bewertet wird. Kein Structured-Data-Markup rettet eine Seite, auf der der Nutzer nach drei Sekunden wieder weg ist.

Die Kernfrage ist nicht: Hat diese Seite organischen Traffic?
Die Kernfrage ist: Würde ein Nutzer, der diese Seite aufruft, sagen: „Das war genau das, was ich gesucht habe“?

Entscheidungslogik strukturieren: ein Beispiel

In Projekten, die ich begleite, arbeiten wir mit einer datengetriebenen Entscheidungsmatrix. Das Grundprinzip – vereinfacht als Pseudo-Python – sieht so aus:

Python
# Panda-Diät Entscheidungslogik
def panda_decision(page):
    clicks      = page["organic_clicks_12m"]
    potential   = page["keyword_potential"]    # True/False
    ia_role     = page["ia_role"]             # "hub", "support", "none"
    conversion  = page["conversion_rate"]     # 0.0–1.0
    ux_score    = page["ux_engagement"]      # 0.0–1.0 (Verweildauer, Scroll, etc.)
    has_owner   = page["owner_defined"]      # True/False

    if not has_owner:
        return "⚠️  ESKALIEREN – kein Owner definiert, keine Entscheidung möglich"

    # Seiten mit echter Nutzerfunktion: noindex, nicht löschen
    if ia_role in ["hub", "support"] or conversion > 0.04:
        if clicks < 20 and not potential:
            return "🚫  NOINDEX – intern relevant, kein organischer Wert"
        return "✅  BEHALTEN – strategisch relevant"

    # Schlechte UX trotz Traffic: überarbeiten oder raus
    if clicks > 100 and ux_score < 0.2:
        return "🛠️  ÜBERARBEITEN – Traffic, aber schlechte UX-Signale"

    # Keine Funktion mehr: weg
    if clicks == 0 and not potential and ia_role == "none":
        return "🗑️  LÖSCHEN oder REDIRECT"

    return "🔍  MANUELL PRÜFEN"

Die Diät ist kein Projekt – sie ist ein Betriebszustand

Das ist der Punkt, den ich nach vielen Projekten am stärksten betonen würde: Eine einmalige Panda-Diät löst das Problem für sechs bis zwölf Monate. Danach ist der Index wieder gewachsen – wenn sich die Organisation nicht verändert hat.

Was wirklich zählt, ist die Frage: Wer entscheidet fortan, bevor eine neue Seite live geht, ob sie in den Index gehört? Gibt es eine Stelle im Unternehmen, die dieses Mandat hat? Gibt es eine Logik, die nicht bei jedem neuen Seitentyp neu diskutiert werden muss?

Ohne das ist jede Diät temporär. Mit dem ist sie Struktur.

Weiterführende Quellen

Die beiden Hauptquellen dieses Artikels – Kronenbergs LinkedIn-Post und das Podcast-Interview mit Fabian Jaeckert – sind oben im Text direkt verlinkt. Darüber hinaus:


Fazit

Die Panda-Diät klingt wie ein SEO-Hebel. In Wirklichkeit ist sie ein Spiegel. Wer nicht sagen kann, welche Seiten warum existieren – wer keine Antwort auf die Frage hat, welche Stakeholder welche Entscheidung treffen dürfen –, der hat kein Index-Problem. Der hat ein Governance-Problem.

Und das löst kein Tool. Kein Crawler. Keine Noindex-Direktive. Das löst eine Organisation, die bereit ist, ehrlich hinzuschauen. 2011 war das neu. 2026 ist es immer noch selten.

Wenn du nur eine Sache machst: Leg für jeden Seitentyp auf deiner Domain einen benannten Owner fest – eine Person, die entscheiden darf, ob dieser Seitentyp wächst, schrumpft oder verschwindet. Nicht ein Team. Nicht „SEO und Product gemeinsam“. Eine Person mit Mandat. Das allein verändert, wie Cleanup-Projekte laufen. Und wie neue Seiten entstehen.
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